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Im Folgenden werden Zahlen zur Häufigkeit von Dekubitalulzera aus Deutschland vorgestellt. Aufgrund der Anwendung
ist es nahezu unmöglich, die Daten untereinander zu vergleichen. Daher erfolgt die Darstellung der reinen Zahlen zur Dekubitushäufigkeit hier immer in Verbindung mit einer kurzen Erläuterung, welche Daten und Angaben zur Berechnung der jeweiligen Dekubitushäufigkeit verwendet wurden.
Von einer Forschergruppe an der Berliner Charité, Institut für Medizin-Pflegepädagogik und Pflegewissenschaft, wird seit 2001 jährlich eine bundesweite Prävalenzerhebung von Dekubitus in Kliniken und Pflegeheimen durchgeführt.
Die Berliner Forschergruppe definiert Prävalenz wie folgt:
Unter Prävalenz versteht man den Anteil dekubitusgefährdeter Personen, die mindestens ein Dekubitalulkus zum Zeitpunkt der Erhebung hatten.
Die Daten wurden an einem Tag in den teilnehmenden Einrichtungen erhoben. Der Umfang der Risikogruppe erfolgte durch Risikoermittlung, wobei alle als Risikopatienten gezählt wurden, die 20 und weniger Punkte an Hand der Braden-Skala (siehe 3.5.2 Risikoeinschätzung) hatten. Gezählt wurden alle Dekubitalulzera ab Grad 1. Die Gradeinteilung (siehe 3.3 Klassifizierung von Dekubitalulzera) wurde nach dem Schema der Europäischen Dekubitusgesellschaft (EPUAP) vorgenommen. Die Bestimmung, ob ein Dekubitus vorlag, erfolgte durch eine körperliche Untersuchung der an der Studie teilnehmenden Personen.
Die Abbildung 5 sagt aus, dass 2007 in den Pflegeheimen, die an der Studie teilnahmen, 8,4% der gefährdeten Bewohner einen Dekubitus hatten; in den teilnehmenden Kliniken hatten im gleichen Jahr 15,7% der gefährdeten Patienten einen Dekubitus.
Abb. 5: Dekubitusprävalenz gefährdeter Patienten pro Erhebungsjahr (6)
Im Essener Universitätsklinikum wurden seit April 2003 ein Jahr lang regelmäßig Messungen zur Prävalenz durchgeführt (8). Dabei lagen folgende Definitionen für die Prävalenz zu Grunde: Im Zähler steht die Anzahl der erwachsenen Patienten (559), die während ihres Aufenthaltes im Krankenhaus einen Dekubitus hatten. Im Nenner steht die Anzahl der Fälle (29.303).
Abb. 6: Häufigkeiten von Dekubitus bei Erwachsenen im Universitätsklinikum Essen 2003 (8)
Im Ostalbkreis wurde in den Jahren 2001 bis 2003 die Periodenprävalenz aller Dekubitalulzera in der ambulanten und stationären Altenpflege und in den Kreiskrankenhäusern des Landkreises ermittelt (9), die die Anzahl der Pflegetage und davon die Pflegetage mit Dekubitus erfassten. Gezählt wurden Dekubituswunden leider erst ab Grad II. Als Periodenprävalenz wurde hier der Quotient von Pflegetagen insgesamt und Pflegetagen mit Dekubitus berechnet. Der Zeitraum der Periode war auf drei Monate festgelegt.
Abb. 7: Häufigkeiten von Dekubitus im Ostalbkreis (9)
Abb. 8: Auftreten von Dekubitus im Ostalbkreis in 2003 (9)
Aus Bayern liegen seit August 2005 aus der Studie „Pflege ohne Druck“ (7) Zahlen zur Dekubitushäufigkeit aus dem ambulanten und stationären Pflegebereich vor. So wurde in ambulanten Einrichtungen eine Prävalenz von 5,41% und in der stationären Langzeitversorgung eine Prävalenz von 4,38% ermittelt.
Die bayrischen Prävalenzangaben berechneten die Autoren, indem sie die Anzahl der Pflegebedürftigen mit Dekubitus auf die Anzahl aller Pflegebedürftigen bezogen.
Die Zahl der Erhebung in Bayern (7) scheint niedriger als der Prozentsatz der bundesweiten Prävalenzerhebung (6). Das liegt daran, dass in Bayern alle Pflegebedürftigen einer Einrichtung als Referenzwert herangezogen wurden und nicht nur die auf dem Boden einer Risikoskala ermittelte dekubitusgefährdete Risikogruppe. Weiß man - wie unten ausgeführt -, dass nur etwa zwei Drittel aller Pflegeheimbewohner dekubitusgefährdet sind, verdoppeln sich in etwa die Prozentsätze für die ambulanten Einrichtungen und sie verdreifachen sich für den stationären Bereich (ein Drittel aller Patienten sind gefährdet). Damit liegen die bayrischen Zahlen dann fast genau im Bereich der bundesweit ermittelten Werte.
Auch der Prozentsatz der Universitätsklinik Essen Klinik (8) steigt dann auf ca. 6%. Das gilt ebenso für die Erhebungen der klinischen Zahlen im Ostalbkreis (9). Der Prävalenzwert hätte sich sicherlich in der Datenerhebung von Essen und aus dem Ostalbkreis weiter erhöht, wenn auch Dekubitus Grad I Fälle einbezogen worden wären.
Der Dekubitus Grad I scheint irgendwie ausgeblendet zu werden, obwohl er definitiv eine Gewebsschädigung darstellt, die dringend behandlungsbedürftig ist. Wenn man weiß, dass dieser Dekubitusgrad etwa 50% aller Fälle ausmacht (10), dann verdoppeln sich die Werte aus Essen und dem Ostalbkreis. Sie liegen dann ebenfalls im Bereich der bundesweiten Erhebung.
Diese vier Beispiele verdeutlichen bedauerlicherweise, dass die reinen Zahlen nicht ohne Weiteres miteinander vergleichbar sind und nicht ohne Kenntnis der Art und Zusammensetzung des Untersuchungskollektivs sowie der jeweiligen Definition von Prävalenz interpretiert werden können.
Legt man einen Braden-Wert von 20 zugrunde, sind ungefähr ein Drittel aller Krankenhauspatienten und zwei Drittel aller Pflegeheimbewohner dekubitusgefährdet. In der deutschlandweiten Dekubitusprävalenzstudie ist dieser Anteil auch über die letzten Jahre stabil geblieben (6).
„Lieber auf eine richtige Frage eine nur annährend richtige Antwort, als eine präzise Zahl als Antwort auf eine falsche Frage.“ (11)
Eine richtige Frage könnte lauten: „Wie viele Intensivpatienten haben ein Dekubitalulkus am Sakrum?“ Die Antwort lautet: etwa 60% ±10% aller Dekubituspatienten haben ein Dekubitalulkus am Sakrum. Diese Antwort ist nicht genau, aber sie sagt aus, dass eine Dekubituswunde an dieser Körperstelle keine Ausnahme ist. Sie wird informativer, wenn die Prävalenz und die Definition der Risikopopulation bekannt sind. In diesem Fall lautet die Antwort ca. 20% aller Risikopersonen mit einem Braden-Wert von 20 oder kleiner entwickelt ein Dekubitalulkus am Sakrum. Das heißt, dass 60% von 20% also ungefähr 12%±3% aller Risikopatienten eine Dekubituswunde im Bereich des Kreuzbeins (Os sacrum) haben.
Des Weiteren ist es wichtig zu sehen, ob eine Krankheit sich „ausrotten“ lässt.
Es zeigt sich, dass die Häufigkeit des Auftretens von Dekubitalulzera eine Funktion der Aufmerksamkeit ist. Die Dekubituszahlen der Untersuchungen zur bundesweiten Prävalenzerhebung (6) wie auch bei der Datenerhebung im Ostalbkreis waren zu Beginn der Untersuchung höher. Mit der Wiederholung der Datenerhebung in der Folgezeit begannen sie zu sinken, um sich in den letzten Jahren bei der bundesweiten Prävalenzerhebung auf Werte von etwa 8% für Pflegeheime bzw. 16% für Kliniken einzupendeln.
Daraus lässt sich ableiten, dass Dekubitalulzera immer auftreten werden und dass ständige Aufmerksamkeit und Schulung nötig ist, um die Inzidenz (Zahl der Neuerkrankungen) niedrig zu halten.